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Vom Recht auf Schmerzpflaster

Menschen sollten sich der Tatsache bewusst sein, dass sie das Recht haben NICHT an Schmerzen leiden zu müssen, sowie Ampullen, Pillen und Pflaster für die Schmerzkontrolle bekommen zu können

Autor: Maria Aylen, übersetzt von Thomas Paul, donor.org.ua
Veroffentlicht am: 2016-06-01 18-20-00   Counter: 900
  
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Der Text über ihre letzte Woche und ihren letzten Tag ist noch nicht vollständig. Ich kann mich nicht konzentrieren, ihn beenden, viele Einzelheiten verschwinden... Aber es gibt ein Erlebnis, an das ich mich immer erinnern werde.

Sie hörte einfach auf zu atmen. Ich war im Begriff, sie von hinten zu halten und so ging ich zurück um aufzustehen. Dann nahm ich das zweite Kissen fort und machte ihren Körper auf dem Bett zurecht. Dann erreichte ich mein auf dem Bett stehendes Laptop und schrieb in das Skype-Fenster - "Nun ist es vorbei." - mit der Kenntnis, dass Ira "hinter dem Monitor" angespannt wartend die Sekunden der Ruhe zählt. Und diese sofort abgesandte Nachricht war in diesem Augenblick das Wichtigste, was zu tun war.

Mutter und Vater sammelten all die Servietten, Handtücher und Behälter mit kaltem Wasser zusammen, die gebraucht wurden ihr Fieber ein wenig zu senken, blickten dabei durch Folienbeutel und Ampullen.

Unerwartet, begann sie am Samstag ernsthafte Schmerzen zu verspüren. "Man konnte nichts ahnen". Sie hatte eben Leukämie. Gewöhnlich hatte sie vorher Schmerzen, aber diese waren mäßig und eine Tablette Tramal oder Neuralgin reichten aus. Am Samstag berichtete sie über große Schmerzen. Der Samstag ist ein freier Tag für beide: die Ärzte, die Palliativ-Patienten behandeln und für ihre leitenden Angestellten mit den magischen Siegeln, die Verschreibungen genehmigen. Gemäß allen Vorschriften und Regeln, sollte mein Mädchen mit ihren Schmerzen bis Montag allein gelassen werden.

Aber sie hatte mich und ich hatte ein Fentanyl-Pflaster, das mir ein Freund gab und welches ein echter Schatz war.

Ich schnitt es in zwei Teile und trug es auf ihre Schulter auf, wie sie es mich bat: "näher dorthin, wo es weh tut". Der Schmerz verschwand. Das Pflaster bereitete die Grundlage zur Schmerzerleichterung vor; sie nahm pünktlich ihre Pillen und alles war soweit in Ordnung.

Am Sonntag war sie fast bewusstlos. Sie kam immer wieder zu Bewusstsein, sprach mit uns 30-40 Minuten lang und schlief erneut ein. Es war ungefähr 20.40 Uhr als sie sich schließlich zurückzog. Eine Stunde verging, zwei Stunden, drei Stunden, aber es gelang ihr nicht mehr auf unsere Worte und Berührungen zu antworten...

Sie stöhnte.

Ich hörte weiter auf den Klang ihres Ausdrucks des Leidens - sie hatte Schmerzen.

Mama injizierte ihr etwas Medizin, wahrscheinlich Ketorol, und ich zählte die Minuten, aber sie stöhnte weiterhin. Die Zeit war vorüber, es half nichts und ich verwendete die zweite Hälfte des Pflasters, meine Hände zitterten. Wenn Du ein kleines Kind hast, das vor Schmerzen stöhnt, könntest Du alles tun um das zu beenden. Ihre Schmerzen vergingen.

Ich hatte ihr doch versprochen, die Schmerzen zu nehmen.

"Es ist 3.20 Uhr", sagte Vater. Es war vorbei. Ich ordnete ihren Körper aufs neue, sandte eine Skype-Nachricht und kam zurück. Als sie zum letzten Mal ihr Bewusstsein erlangte schlug ich ihr vor etwas Sauberes anzuziehen, und alles was ich finden konnte war ein blaues T-Shirt. Das war nicht einfach, denn der Halsausschnitt des T-Shirts war eng und es fiel mir schwer, die Pflaster von ihren Schultern zu entfernen. Wir konnten sie nicht auf ihrem Körper lassen, weil wir dafür keine Verschreibung hatten.

Wir blickten uns sorgfältig in unserer Wohnung um und nahmen dabei alles mit, was Fragen erzeugen könnte.

Wir sind mit Vater durch die dunkle Nachbarschaft gegangen - trugen all die Extra-Sachen aus der Wohnung fort, als wären wir Kriminelle... Unser Kind ist gerade gestorben, und ich dachte beim Gehen daran, weshalb wir zu dieser Stunde anstatt trauernd wahrzunehmen was soeben geschehen ist und bei ihr zu sein, die "Beweise dafür verstecken", was wir getan hatten - unser Kind vor Schmerzen zu bewahren. Ich würde die Ambulanz und die Polizei zur Aufnahme des Todes hinterher benachrichtigen, wenn wir zurück seien. WARUM?

Wenn ich nur einen Augenblick daran denke, fällt mir die Gesamtheit jener Minuten ein, die wir kurz vor der Dämmerung auf der nächtlichen Straße verbrachten, am Montag, dem 5. Mai, und dem Gefühl, wie absurd das Ganze war.

Heute erhielt ich einen Anruf von Olya. Olyas Vater hat ernsthafte Schmerzen, verliert oft das Bewusstsein und kann nicht seine Tabletten nehmen, zudem es "keinen Platz" für Injektionen gibt und er eigentlich keinen Wunsch nach diesen verspürt. Gestern sagte ich Olya, sie möge doch bitte losgehen, um ein Rezept für die Schmerzpflaster zu bekommen. Jetzt rief sie mich an und erzählt, dass es solche Pflaster in der Ukraine nicht gäbe. Einige registrierte Unternehmen importierten diese vormals, aber unseren Ärzten gelang es nicht sie zu verschreiben und ebenso den Patienten, Pflaster zu kaufen. Deshalb mache erneuter Import keinen Sinn, und die Dauer der Registrierung würde bald ablaufen.

Ich rufe einen Onkologen an von dem ich denke, er sei der einzige onkologische Arzt in der Ukraine, der seinen Palliativ-Patienten zur Schmerzerleichterung Pflaster verschreibt.

- Gibt es andere Hersteller? Von wem kann man sie erhalten?
- Ich weiß, dass einige Patienten sie aus Europa mitbringen.
- Mit unseren Verschreibungen?
- Nein, es sind solche, die man dort bekommen kann, um sie in die Ukraine zu bringen.

Kürzlich machte unser Land einen gewaltigen Schritt vorwärts - Morphin in Pillen ist jetzt für Patienten verfügbar (zu bekommen ist eine andere Geschichte, aber man schafft es, wenn man weiß wie) und das ist ein großer Erfolg.

Doch ein in Schmerzen sterbender Palliativpatient sollte über JEDE Form der Schmerzlinderung verfügen können. Zu JEDER Zeit.

Pillen sind nicht ausreichend.

Ampullen sind nicht ausreichend.

Montag bis Freitag sind nicht ausreichend.

Solange sich die Situation nicht ändert, werden wir weiterhin Patienten haben, die vor Schmerzen schreien, weinen und stöhnen. Ihre Familienmitglieder werden schmerzhaft viel Geld zahlen und gesetzeswidrig handeln müssen.

Wir sollten intensiv daran arbeiten. Stärker. Lauter. Wir müssen darüber informieren. Die Leute sollten wissen, dass sie das Recht haben NICHT an Schmerzen leiden zu müssen, dass es Ampullen, Pillen und Pflaster für die Schmerzkontrolle gibt - und dass die betroffenen Menschen das Recht haben diese zu verwenden.

Insofern, werde ich nach einem Weg für den erneuten und gesicherten Import von Schmerzpflastern in die Ukraine suchen...

P.S. Falls Du denjenigen helfen möchtest, die gegenwärtig und in der Zukunft Palliativ-Versorgung benötigen, lese bitte über das Palliativ-Programm der Stiftung Open Palms und bei Facebook "Live every second, live every moment".






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